Rückblick Fachtagung "Land. Vergabe. Praxis"

Hier finden Sie einen Rückblick der Fachtagung am 26. September 2019 in Potsdam.

24.12.2019

Rückblick Fachtagung "Land. Vergabe. Praxis"

Einführung

Dr. Henrike Rieken und Willi Lehnert begrüßen die Gäste und das Publikum und geben eine kurze Einführung in das Thema.

Die Nachfrage nach Agrarland ist groß, die Preise sind in den letzten Jahren gestiegen und für bäuerliche Betriebe ist es immer schwieriger an Flächen zu kommen. Insbesondere für JunglandwirtInnen und ExistenzgründerInnen stellt der Zugang zu Landwirtschaftsflächen eine sehr große Hürde dar.
Auf der Tagung sollen Möglichkeiten für Lösungswege bei der Vergabe von Flächen im Fokus stehen. Es soll diskutiert werden, wie junge motivierte Menschen die in die Landwirtschaft einsteigen wollen unterstützt werden können und was die landeseigenen Flächen dazu beitragen könnten.

Impuls: Chancen und Potentiale von jungen Menschen auf dem Land
Grit Körmer, Geschäftsführerin der LAG Märkische Seen beschäftigt sich viel mit der Regionalentwicklung und dem demografischen Wandel im ländlichen Raum. Betrachtet wird, wer (wieder) aufs Land geht. Darunter sind Rückkehrer und Zuwanderer, viele von ihnen arbeiten ortsunabhängig und nun mehr auf dem Land als ausschließlich in der Stadt. Für solche Menschen und den damit verbundenen Chancen sind die Umweltbedingungen, sowie persönliche, soziale Netzwerke, Beziehungen vor Ort und das kulturelle Angebot relevant. Sind diese Bedingungen gegeben kann damit Zuzug in den „urbanen Dörfern“ gefördert werden. Wichtig für das Leben auf dem Land, das Arbeiten und das soziale Zusammenleben ist Vertrauen und auch ein Verantwortungsbewusstsein aller alten und neuen BewohnerInnen. Dafür braucht es Gemeinschaft, diese sollte ermöglicht werden, z.B. durch Begegnungen, dafür braucht es Anlässe und Räume.
Die Enquettekommission zur „Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“ (EK 6/1) im Brandenburger Landtag beschäftigte sich mit vielen Aspekten die das Leben auf dem Land betreffen und wie dieses zukünftig gestaltet werden kann. Das wichtige Thema Flächenvergabe wurde im Abschlussbericht leider nicht aufgegriffen, auf eine Formulierung konnten sich die Mitglieder vielleicht nicht einigen. Das ist sehr schade! Denn die Landwirtschaft hat im ländlichen Raum eine sehr prägende Rolle für Landschaft und Menschen.

Was wir brauchen:
Wir brauchen Formate, um Landleben auszuprobieren, wo Menschen aus der Stadt aufs Land kommen und zunächst eine Zeit dort leben können. Klappt es mit der Schule, der Kita, dem Job, dem Bus? Passen die sozialen und kulturellen Strukturen im Dorf zu mir und ich zu ihnen? Dafür werden Möglichkeiten z.B. des Wohnens gebraucht, ohne dass sich „Ausprobierer“ langfristig binden müssen. Wir brauchen Allianzen im ländlichen Raum, interdisziplinär, ressortübergreifend, Vereine und Akteure sollten Möglichkeiten bekommen gemeinsam zu arbeiten und sich auszutauschen. Gerade bei Flächenangeboten besteht eine Informationslücke zwischen VerpächterInnen und PächterInnen. Und wir brauchen eine Landinventur auch in Brandenburg. Was ist in den Dörfern los, wer wohnt dort und welche Indikatoren gibt es, damit Landleben lebenswert ist und bleibt. In Mecklenburg-Vorpommern untersucht ein Projekt aktuell Land und Leute. Klar wird darin: Je mehr Landwirtschaft, desto mehr Leben im Dorf. Mehr zum Projekt: https://landinventur.de/search

Mutig in die Existenzgründung - Der Weg zum eigenen Landwirtschaftsbetrieb

Anja Hradetzky, Jungbäuerin vom Hof Stolze Kuh erzählt ihre Geschichte von der Betriebsgründung mit ihrem Mann Janusz in Stolzenhagen an der Oder. Der Hof Stolze Kuh wurde 2014 ohne Besitz gegründet, Gebäude und Land sind zu 100 % gepachtet, der Stall vom ansässigen Bauern, das Land von Stiftungen und der Kirche. Das Betriebsmodell ist wesensgemäße Tierhaltung mit Kühen mit Hörnern, ganzjährigem Weidegang und ammengebundener Kälberaufzucht. Heute sind 130 Rinder auf der Weide, z.T. finanziert mit Kuhanteilen. Sechs Menschen arbeiten auf dem 220 ha Betrieb, in der hofeigenen, crowdfunding finanzierten Käserei und in der Vermarktung.
Kurze Pachtverträge machen den Betrieb jedoch zum Spielball der VerpächterInnen. Planungssicherheit gibt es kaum. Der Flächenmarkt ist sehr intransparent, wenn Flächen verkauft werden, muss in kurzer Zeit sehr viel Geld aufgebracht werden, das ist für junge Menschen nicht leistbar. Der Trend zu immer größeren Strukturen muss durchbrochen werden, ob bei den Betrieben oder auch in Verarbeitung und Handel. Beispielhaft ist zu beobachten, dass z.B. Molkereien die Milch von kleineren Betrieben nicht mehr abnehmen, wenn sie nicht eine entsprechende Menge an Milch liefern können.
Jeden Tag wieder hat jede Person die Entscheidungsmöglichkeit was er macht und welchen Weg er geht. Auch in der Landwirtschaft steht die Entscheidung einer bäuerlichen oder industriellen Landwirtschaft darum immer wieder zur Diskussion. VerpächterInnen haben durch ihre Vergabepraxis die Möglichkeit mitzugestalten und können entscheiden, ob ihre Flächen an JunglandwirtInnen oder InvestorInnen gehen.

Was wir brauchen:
Beim Zugang zu Land ist ein Flächenpool für JunglandwirtInnen und ExistenzgründerInnen notwendig. Mit diesem Instrument könnten junge GründerInnen direkt gefördert werden. Als weitere Maßnahme ist eine JunglandwirtInnen-Prämie für Brandenburg notwendig, orientiert an der in Sachsen-Anhalt. Erforderlich sind außerdem neue Strukturen, in den Landwirtschaftsämtern, es werden z.B. AnsprechpartnerInnen benötigt, die JunglandwirtInnen und ExistenzgründerInnen und ihre Anliegen ernst nehmen. Darüber hinaus sind Beratungs- und Mentorenangebote für die Begleitung erforderlich.

Umgang mit Landwirtschaftsflächen heute und morgen aus Sicht des LBV

Ulrich Böhm, Referent für Agrarpolitik beim Landesbauernverband Brandenburg (LBV) macht deutlich, dass landwirtschaftliche Flächen als Produktionsmittel unverzichtbar sind. Ihre Nutzung wird auch künftig wichtig sein, denn der Bedarf an Nahrungsmitteln wird global steigen - bei einem Rückgang der verfügbaren Landnutzungsfläche. Durch klimatische Veränderungen wird künftig insbesondere die Landwirtschaft betroffen sein, so z.B. bei der Verteilung von Niederschlägen im Jahresverlauf.
Die Flächenverkäufe werden nach statistischen Angaben seit 2016 weniger, in den Jahren zuvor gab es einen deutlichen Anstieg. Dabei werden jedoch auch lediglich die offiziell angezeigten Flächenverkäufe erfasst, viele Verkäufe werden nicht angezeigt. Wichtige Landeigentümer sind Privatpersonen, Landwirtschaftsbetriebe, die Gemeinden und Kommunen, der Bund (BVVG ca. 35.000 ha), das Land Brandenburg (ca. 30.000 ha), die Kirchen (ca. 170.000 ha in Ostdeutschland) sowie Stiftungen und Umweltverbände.
Hürden in die Landwirtschaft einzusteigen gibt es zahlreiche, die Bedeutenden sind Zugang zur Fläche, hoher Finanzbedarf (durchschnittlich sind für einen Arbeitsplatz rund 500.000 Euro aufzubringen), Folgeinvestitionen, Politische Unsicherheiten (wie die gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP)), Verdienstmöglichkeiten, Betriebskonzepte und innovative Ideen.

Was wir brauchen:
Kooperationen zwischen Betrieben werden künftig immer relevanter werden, dahingehend sollten entsprechende Förderungen ausgerichtet sein.
JunglandwirtInnen werden in den Betrieben gebraucht, Nachfolgeregelung sind häufig nicht klar (in den nächsten 2 Jahren wird in 10 % der Haupterwerbsbetriebe eine Nachfolge gesucht, diese ist noch völlig unklar). Um Landspekulation zu unterbinden ist eine Absenkung für den Anteil bei Anteilskäufen bei der Grunderwerbssteuer notwendig (Share Deals).
Darüber hinaus wären mögliche Förderungen z.B. ein Existenzgründungsprogramm für Beratungsleistungen (Qualifizierung), bevorzugter Zugriff auf Fläche (z.B. gehen nur 2 % der BVVG-Flächen an Junglandwirte (Verkauf)) und eine Flächenbörse, Entbürokratisierung, Junglandwirtezuschlag bei der Investitionsförderung, Berücksichtigung aller Junglandwirte bei der Förderung (auch jur. Personen), Innovationsförderung, Kooperationsförderung, keine weitere Flächenverknappung durch Flächenentzug, keine „stille“ Entwertung sowie eine eigene Landgesellschaft in Brandenburg.
Für die bessere Vernetzung organisieren die Kreisbauernverbände in Brandenburg regionale JunglandwirtInnenstammtische. Darüber hinaus werden Weiterbildungsangebote für BetriebsleiterInnen und MitarbeiterInnen angeboten.

Modellprojekt "LandnutzerInnen und LandeigentümerInnen vernetzen - Möglichkeiten der Kooperation"
Vor dem Hintergrund erforderlicher Strategien in der Landwirtschaft um klimaschutzangepasste Bewirtschaftungssysteme zu fördern, spielt die Flächenvergabe eine zentrale Rolle. Lenkende Wirkung kann dabei die Flächenvergabe bei der Ausrichtung der künftigen Landwirtschaft haben. Um dem Nachwuchs Möglichkeiten für den Einstieg zu geben sollte die Förderung von JunglandwirtInnen das zentrale Ziel einer zukunftsfähigen Flächenvergabe sein.
Dafür ist der Informationsaustausch zwischen FlächeneigentümerInnen (Stiftungen, Vereine, Kirchen, PrivateigentümerInnen, Bund, Länder u.a.) und JunglandwirtInnen bzw. ExistenzgründerInnen notwendig, das Projekt bietet für Brandenburg einen Ansatzpunkt.
Konkrete Projektinhalte sind der Aufbau einer Koordinierungs- und Vernetzungsstelle, eine Situationsanalyse zur Flächenverpachtung von Fördervereinen und Bedarfen von JunglandwirtInnen/ ExistenzgründerInnen, Öffentlichkeitsarbeit (Veranstaltungen, Tagungen, persönliche Gespräche), Entwicklung einer Datenbank zum Informationsaustausch (Flächenpool) sowie die Durchführung von Matchingprozessen zwischen FlächeneigentümerInnen und JunglandwirtInnen bzw. ExistenzgründerInnen. Darüber hinaus sollen Kontakte zu weiteren Akteuren hergestellt und in das Projekt eingebunden werden.
Die Kulisse des Projekts sind drei Regionen in den Großschutzgebieten bzw. Nationalen Naturlandschaften: Naturpark Uckermärkische Seen, Naturpark Nuthe Nieplitz und Nationalpark Unteres Odertal. Die dort aktiven Fördervereine/ Stiftungen verfügen über zahlreiche Landwirtschaftliche Nutzflächen, die sie verpachten. Der Flächenumfang beträgt dabei 8.400 ha (Gesamtfläche 21.200 ha).
Diese Flächen können steuernd für ökologische und Naturschutzziele, aber auch für eine nachhaltige Regionalentwicklung eingesetzt werden. Aus einem Pool an Flächen könnten gezielt JunglandwirtInnen und ExistenzgründerInnen gefördert werden, ob bereits ortsansässig oder noch nicht.
Für JunglandwirtInnen bieten die Fördervereine die Chance, Einblicke in den lokalen Pachtmarkt zu bekommen und mögliche VerpächterInnen und deren Vorstellungen kennenzulernen. Die Fördervereine/ Stiftungen bekommen einen Einblick in die Bedarfe von JunglandwirtInnen und ExistenzgründerInnen.
Einige Projektziele wurden bereits erreicht, weitere werden bis zum Projektende umgesetzt. Klar ist schon jetzt, dass es zahlreiche JunglandwirtInnen in Brandenburg gibt, die innovative Ansätze in ihren Betrieben verfolgen (bei Anbauverfahren, Kulturauswahl, Vermarktung usw.). Diese können weiter wachsen um auch Arbeitskräfte und Wirtschaftskraft zu fördern, wofür jedoch ein weiterer Flächenzugang erforderlich ist.

Stimmen aus dem Publikum:
Die Frage, welche Hürden es für JunglandwirtInnen beim Einstieg in die Landwirtschaft und insbesondere beim Zugang zu Land gibt, wurde unter Beteiligung des Publikums zusammengetragen. Hürden sind:
- Fehlende Fairness und Transparenz bei Bodenvergabeverfahren
- FlächeneigentümerInnen zeigen sich zurückhaltend bei der Herausgabe von Informationen bei konkreten Flächenangeboten. JunglandwirtInnen können also gar nicht wissen, wo es potentielle Flächenangebote gibt.
- Kapitalbedarf und Finanzierung: Der Kapitalbedarf ist sehr hoch. Zudem ist Eigentum erforderlich um Kredite zu bekommen. Diese Sicherheiten haben JunggründerInnen häufig nicht.

Lösungsansätze könnten sein:
- Möglichkeiten und Instrumente zu schaffen, bei denen alle beteiligten Akteure besser miteinander vernetzt werden. Schnittmengen sollten bei diesem Thema auch zwischen Verwaltung (z.B. Landwirtschaftsämter), PraktikerInnen und Politik gesucht werden.
- Kapitalbedarf von JunglandwirtInnen: Beteiligungen von VerbraucherInnen an der Landwirtschaft durch Beteiligungsmodelle. Es gibt viele Menschen, die finanzielle Mittel haben und etwas „Sinnvolles“ damit machen wollen, um Landwirtschaft zu unterstützen
- reduzierte Pachtpreise für ökologische Bewirtschaftung, z.B. bei Kirchenland
- Aufbau eines zentralen Anlaufzentrums in der Region mit dem Ziel, Existenzgründungen zu fördern und JunglandwirtInnen zu begleiten. Erforderlich ist eine Unterstützung und Begleitung über 3-4 Jahre für die Aufbauzeit mit allen erforderlichen Themenbereichen wie u.a. Betriebsentwicklung, Fördermöglichkeiten, Beratungsangebote u.v.a.m.
- Zugang zu Flächen: Ansprache von institutionellen EigentümerInnen wie Kommunen, Landgesellschaften, Kirche u.a.
- Flächengesuch in Webportalen (u.a. Hofbörsen, ebay) und Printmedien aufgeben
- Bezug zur Region bekommen: Wenn es den Wunsch gibt sich in einer Region niederzulassen, dann kann es hilfreich sein im Vorfeld dort zur Probe zu leben und zu arbeiten. Das hilft um Strukturen vor Ort zu verstehen und informelle Wege kennenzulernen.
- Fokus bei der Betriebsgründung bzw. -entwicklung: Auf Regionalität als Argument für VerbraucherInnen setzen und mit transparenter Produktion und geschlossenen Betriebskreisläufen überzeugen. Unabhängig ob ökologisch oder konventionell gewirtschaftet wird.
- Standortfrage: Lieber etwas länger suchen um den richtigen Standort zu finden. Für die Vermarktung ist das ein sehr wichtiger Faktor (gute Erreichbarkeit, gute Lage für Logistik etc.).

Mittagspause
Persönlicher Austausch der TeilnehmerInnen und Zeit für Gespräche zum Vernetzen und Kennenlernen.


Von anderen lernen: Beispiele aus verschiedenen Regionen Deutschlands - Erfahrungen mit Vergabekriterien

Volker Bruns, Geschäftsführer der Landgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern stellt die Arbeit der Landgesellschaften vor. In fast jedem Bundesland gibt es eine Landgesellschaft, gesetzlich festgesetzte Aufgaben sind beim Flächenmanagement die Aufstockung der Eigentumsflächen bei Landwirtschaftsbetrieben, Lösung von Landnutzungskonflikten, Ersatzlandbereitstellung bei Vorhaben in öffentlichem Interesse, Sicherung der Bewirtschaftungsflächen sowie die Ausübung des siedlungsrechtlichen Vorkaufsrechtes. Durch den Erwerb, die Bevorratung und den Verkauf von land- und forstwirtschaftlichen Flächen werden die Aufgaben umgesetzt. Ziele und Grundsätze des Flächenmanagements in Mecklenburg-Vorpommern sind die Verpachtung statt dem Verkauf, Wertschöpfung und Beschäftigung im ländlichen Raum erhalten, Stärkung der Veredelung durch Vergabe bei Neuverpachtung an Tierhaltungsbetriebe oder andere Betriebe mit arbeitsintensivem Produktionsprofil, ordnungsgemäße Bewirtschaftung nach guter fachlicher Praxis, Transparenz bei der Vergabe durch Ausschreibung und gleichzeitig Vermeidung von Härtefällen, Einhaltung haushalterischer Pflichten sowie die Verpachtung nur an ortsansässige bzw. –nahe Betriebe.
Grundsätzlich findet eine Verpachtung von Flächen statt, die Pachtlaufzeiten betragen i.d.R. 6 Jahre. Eine Verlängerung um 6 Jahre ohne Ausschreibung ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich (Betriebe mit arbeitsintensiven Betriebszweigen, Existenzgefährdung und bei Flächen bis 20 ha).
Bei der Neuvergabe von Pachtflächen in Mecklenburg-Vorpommern sind folgende Kriterien relevant: Veredelungsintensität, Flächenausstattung, getätigte und/oder geplante Investitionen in arbeitsintensive Produktionszweige, Entfernung zum Betriebssitz, bzw. zu bisherigen Bewirtschaftungsflächen, Bonität des Pächters, ÖkolandwirtIn und JunglandwirtIn.
Für JunglandwirtInnen bietet die Landgesellschaft verschiedene Leistungen an, dazu gehören eine Hofbörse (auf der primär Hofstellen angeboten werden), Existenzgründungsberatung (bei Betriebskonzept und begleitender Beratung in den Anfangsjahren), Förderung (Agrarinvestitionsprogramm (AFP), Förderung der Beratung, Förderung der Anschaffung von Gebäuden, lebendem und totem Inventar), Bürgschaftsprogramme, langfristige Pachtverträge (öffentliche Hand), Moderation bei familienfremder Hofnachfolge.

Was wir brauchen:
In vielen Betrieben fehlt der Nachwuchs, JunglandwirtInnen und ExistenzgründerInnen werden dringend gebraucht. Diese benötigen für einen gelingenden Einstieg Praxiserfahrungen und eine ausreichende Kapitalausstattung um Betriebe zu übernehmen bzw. zu gründen. Bei Hofübergaben (inner- oder außerfamiliär) sind Angebote für Moderation und Begleitung des Prozesses erforderlich, damit die Betriebe weitergeführt werden können (das sollte hinsichtlich agrarstruktureller Belange das Ziel sein).

Ralf Demmerle, Biobauer und Vorstand der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Mitteldeutschland (AbL) e.V. aus Thüringen berichtet von den Erfahrungen mit Vergabekriterien bei der evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM). Seit 2017 legt die EKM Vergabekriterien bei der Neuverpachtung zugrunde, Flächen werden nun nach einem Punktesystem vergeben. Berücksichtigt werden dabei die Aspekte Ortsansässigkeit, ExistenzgründerIn, Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche in Deutschland, Pachtpreisangebot, Anzahl der Beschäftigten, Ökologie und Nutztierhaltung sowie kirchengemeindliches Engagement. Erfahrungswerte zeigen, dass seitdem häufiger Ökobetriebe Flächen pachten, das mehr BewerberInnen berücksichtigt werden und das bei der Vergabe die Flexibilität verloren ging (Vergabe nach einem starren System, bei der Vergabe wäre ggf. einE „nicht evangelischer“ LandwirtIn einE bessere BewerberIn gewesen. Weitere Institutionen mit Vergabekriterien sind die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein und in Vorbereitung die Stadt Greifswald („Unser Land schafft Wandel“). Weitere Städte diskutieren Kriterien bzw. Klauseln zu z.B. Biodiversität bei der Pachtvergabe, so Darmstadt, Frankfurt (Main) und Freiburg.
Existenzgründungen können auf Flächen, die in den Händen von institutionellen EigentümerInnen sind, angeschoben werden. Als gutes Beispiel für eine Existenzgründung auf Kirchenland ist die Gemüsewerkstatt Grünschnabel in Cobstädt (Thüringen) zu nennen. Der Betrieb wirtschaftet auf 1,2 ha, 5 Arbeitskräfte sind beschäftigt, 25 Gemüsekulturen werden angebaut und vermarktet wird über den Hofladen, regionale Bioläden und Wochenmärkte.
Eine weitere Existenzgründung ist KoLa bei Leipzig (Sachsen), ab 2020 ist dort eine solidarische Landwirtschaft auf 32 ha mit 30 Arbeitsplätzen geplant. Diese Beispiele sind wichtige Impulsgeber für eine ganze Region. Und sie zeigen: Gibt es Möglichkeiten und Chancen einen Betrieb zu gründen, können daraus weitere Entwicklungen für eine nachhaltige Regionalentwicklung und die Versorgung mit Lebensmitteln aus den Regionen heraus resultieren. Erfahrungen zeigen: Können ExistenzgründerInnen anfangen, sich beweisen, zeigen was sie können - hat das Auswirkungen auf das direkte Umfeld. Auch bei der Flächenvergabe, Institutionen und PrivateigentümerInnen werden auf solche Betriebe aufmerksam und es besteht die Chance, dass bei der Neuverpachtung ihre Flächen an solche lokal ansässigen Betriebe vergeben werden.
Über Kriterien kann bei der Vergabe über große oder kleine Betriebsstrukturen, bio oder konventionell, Schaffung von Arbeitsplätzen, Versorgung in der Region und Existenzgründungen entschieden werden. Das ist im Ermessen der VerpächterInnen.
Als direkte Maßnahme für VerpächterInnen um Biodiversität und Naturschutz zu fördern, ist die Implementierung von Regelung in Pachtverträgen möglich. Um direkt an Privateigentümer, Kirchen und Kommunen heranzutreten, wird eine Beratung im Rahmen des Projekts Fairpachten angeboten. Mit Maßnahmensteckbriefen für konkrete Maßnahmen und Musterpachtverträgen wird Verpächtern ein Werkzeug an die Hand gegeben, wie sie Biodiversität in Agrarlandschaften besser unterstützen können

Was wir brauchen:
Das Punktesystem der EKM ist ein Anfang, es wurde auf Druck der AbL eingeführt. Viele Kriterien wurden darin jedoch nicht beachtet, darum ist das Punktesystem in seiner Ausgestaltung noch nicht zufriedenstellend und muss weiterentwickelt werden. Es sollte auch Anwendung in Kommunen finden, damit dort u.a. auch JunglandwirtInnen eine Chance haben und berücksichtigt werden. Um auf Agrarstrukturen und Umweltauswirkungen auf Landeigentum Einfluss nehmen zu können sind 2 Instrumente notwendig: 1.) das Vergabeverfahren (Vergabe von Flächen nach Kriterien) und 2.) Pachtbedingungen (lenkende Auflagen in Pachtverträgen verankern).

Podiumsdiskussion: "Neue Ideen und Perspektiven für das Land: Welche Kriterien brauchen wir für die Flächenvergabe und wie können diese umgesetzt werden?
Auf dem Podium sind VertreterInnen aus der Landwirtschaft, Verwaltung, Verbänden und Landgesellschaft. Im Fokus der Diskussion steht die Situation von JunglandwirtInnen beim Flächenzugang und Betriebsübernahme sowie konkrete Möglichkeiten diese mittels Vergabekriterien zu unterstützen. PodiumsteilnehmerInnen sind:

- Ve-Annissa Spindler (Jungbäuerin vom Siebengiebelhof)

Die Diskussion wird geleitet von Benjamin Lassiwe, Vorsitzender Landespressekonferenz.

Einstieg von JunglandwirtInnen in die Landwirtschaft

Ve-Annissa Spindler übernahm 2014 den Siebengiebelhof in Drenkow zwischen Berlin und Hamburg. Sie bewirtschaftet mit ihrem Team 110 ha Weide- und Ackerflächen und hat 50 Rinder und 10 Mastschweine. Die Milch wird in der hofeigenen Käserei verarbeitet, die Produkte regional und deutschlandweit direkt an Verbraucherinnen und Verbraucher, Bioläden, Food Coops sowie über den Hofladen und das Café vermarktet.
Von solchen bäuerlich organisierten und vor Ort ansässigen Betriebe könnte es mehr geben, Gründungen und Hofübernahmen sollten darum besser begleitet werden. Eine bedeutende Grundlage ist auch immer der Zugang für junge Gründerinnen und Gründer zu Agrarflächen, Wirtschafts- und Wohngebäuden. VerpächterInnen sind sehr an traditionelle Strukturen gebunden, sie verpachten häufig ihre Flächen an den Betrieb, der sie schon viele Jahre bewirtschaftet. Das macht es für GründerInnen und die betriebliche Weiterentwicklung auch nach mehreren Jahren des Wirkens vor Ort schwer. Hofübergabeprozesse sind sehr komplex, viele Bedürfnisse aller Seiten müssen berücksichtigt werden. Ein ganz klare Empfehlung ist darum, Hofübergaben (ob inner- oder außerfamiliär) von ExpertInnen begleiten und moderieren zu lassen. Dabei sollten auch klare Zielvereinbarungen, Zwischenziele und ein Zeitplan aufgestellt werden. Das bietet für alle Seiten Verlässlichkeit und Sicherheit.
Rückenwind ist auch seitens der GAP notwendig um junge Menschen auf dem Land und in der Landwirtschaft zu unterstützen, eine Umschichtung der Mittel aus der 1. in die 2. Säule ist erforderlich. Damit können die Belange von Regionen berücksichtigt und gezielt gestärkt werden.

Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg e.V. setzt sich mit konkreten Projekten für mehr Wertschöpfung in der Region Berlin-Brandenburg ein und möchte so auch die neue Generation von JunglandwirtInnen fördern. Denn es zeigt sich immer wieder: Engagierte und motivierte JunglandwirtInnen, die den Schritt in die Praxis gehen sind in der Region, es können aber noch einige mehr werden. Die Nachfrage nach regionalen Produkten ist vorhanden. Der Flächenzugang ist für den Betriebsstart und die -entwicklung essentiell. Erfahrungen von JunglandwirtInnen zeigen: Wenn sich ein Betrieb erst einmal etabliert hat, ist auch der Zugang zu Flächen von EigentümerInnen im Dorf durch das soziale Netzwerk etwas leichter.
Von politischer Seite ist zur Förderung von JunglandwirtInnen auch Unterstützung notwendig, z.B. durch eine zentrale Anlaufstelle bei der alle Fragen rund um die Betriebsgründung und -entwicklung gestellt werden können und ExpertInnen Informationen gebündelt und individuell bereit halten (One-Stop-Agency). Bei der Flächenvergabe braucht es einen Paradigmenwechsel, die landeseigenen Flächen sollten gezielt ortsansässigen LandwirtInnen, JunglandwirtInnen und ExistenzgründerInnen zur Verfügung gestellt werden. Um damit Perspektiven im ländlichen Raum zu schaffen und neue Impulse zu setzen.
Für einen Stopp des Ausverkaufs landwirtschaftlicher Fläche sind die Anreize aus der 1. Säule der Agrarförderung zu reduzieren, die Agrar-Förderung darf künftig nicht zu so einem hohen Anteil an die Fläche gebunden sein. Gesetzlich muss die Übernahme von Unternehmen in Anteilskäufen (Share Deals) unterbunden werden um steuerliche Vorteile bei der Grunderwerbssteuer zu verhindern.

Ulrich Böhm vom Landesbauernverband Brandenburg macht deutlich, dass ortsansässige Betriebe unterstützt werden sollten. Als gesetzlicher Rahmen ist dafür seitens des Verbands ein Agrarstrukturgesetz vorstellbar um Regelungen des Berechtigtenkreises für den Zugang zu Flächen zu definieren. Ein weiteres Instrument um gezielt JunglandwirtInnen zu fördern ist eine Landgesellschaft die u.a. Flächen für Betriebsgründungen vorhält. Um die Übernahmen von Betrieben nicht noch attraktiver zu machen (als ohnehin schon) sollte die Grenze für Share Deals abgesenkt werden. Eine Umschichtung innerhalb der beiden Säulen der GAP ist nicht notwendig, denn die 1. Säule stellt eine wesentliche Grundsicherung der landwirtschaftlichen Betriebe dar.

Volker Bruns von der Landgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern weist nochmals darauf hin, wie wichtig es ist, die Menschen die sich einem Hofübergabeprozess stellen zu begleiten. Es sind zahlreiche Perspektiven betrieblicher und persönlich-sozialer Aspekte und die jeweiligen Vorstellungen einzubeziehen und anzuhören. Diese Aufgabe den Abgebenden und Übernehmenden allein zu überlassen ist häufig nicht erfolgreich. Alle Beteiligten müssen sich ernst genommen fühlen, begleitet und an die Hand genommen werden. Nicht zuletzt auch um Verständnis für das Gegenüber und deren Perspektive zu entwickeln.
Die Landgesellschaft bietet eine Reihe von Möglichkeiten und Instrumenten um JunglandwirtInnen zu unterstützen.
Bei Übernahmen von Betrieben von z.B. landwirtschaftsfremden InvestorInnen hat die Landgesellschaft die Möglichkeit, landeseigene Pachtflächen zu kündigen.

Vergabekriterien für die Landesflächen Brandenburgs
Birgit Korth, Referatsleiterin für Grundsatzfragen der ländlichen Entwicklung und Landwirtschaft sowie Rechtsangelegenheiten im Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg (MLUL) geht auf die Möglichkeiten und den aktuellen Stand bei der Vergabe der landeseigenen Flächen ein. Das Land Brandenburg verfügt über rund 30.000 ha Agrarfläche (zzgl. Bodenreformflächen von 3.700 ha für die Eigentümer-Rückübertragung). Im Ressort des Landwirtschaftsministeriums sind 14.614 ha (vorwiegend Grünland), verwaltet von LfB-Forst (7.169 ha), dem LfU (6.557 ha) und dem LELF (888 ha). Im Ressort des Finanzministeriums sind 15.150 ha (3.250 Preußenflächen, verwaltet über die BVVG, 11.900 ha Bodenreformflächen, verwaltet über die BBG).
Für die Vergabe von landeseigenen Flächen wurden Kriterien erarbeitet. Kriterien sollen z.B. sein: Nähe des Betriebssitzes zu der Pachtfläche, Arbeitskräfteintensität des Betriebes, Beitrag des Betriebes zur regionalen Wertschöpfung, Beitrag des Betriebes zur Erhöhung der Diversifizierung, Berücksichtigung, ob VollerwerbslandwirtIn, JunglandwirtIn/ ExistenzgründerIn und flächengebundene Tierhaltung. Der Prozess befindet sich aktuell in der Abstimmung zwischen dem MLUL und dem Finanzministerium. Nach einer Einigung wird ein entsprechender Erlass veröffentlicht, so dass die Vergabekriterien in Kraft treten können. Ziel dieser Neuerungen in der Flächenvergabe ist es landesseitig, dass damit mehr Transparenz auf dem Bodenmarkt realisiert werden kann, um u.a. ortsansässige Betriebe zu unterstützen und JunglandwirtInnen gezielter zu fördern.
Im Rahmen eines Agrarstrukturgesetzes (ein Entwurf liegt vor und bietet eine gute Orientierung) könnte auch ein Leitbild für die Brandenburger Landwirtschaft formuliert werden. Der Stellenwert der Förderung von JunglandwirtInnen und ExistenzgründerInnen sollte darin hervorgehoben werden. Mit speziellen, auf diese Zielgruppe ausgerichtete Instrumenten wie z.B. eine JunglandwirtInnen-Förderungen oder auch der Aufbau einer Landgesellschaft können Prioritäten gesetzt werden, die auch der Landesverwaltung z.B. bei der Flächenvergabe mehr Handlungsspielraum ermöglicht.


Abschluss
Die Tagung „Land.Vergabe.Praxis“ gab Einblicke in den aktuellen Stand der Flächenvergabe in Brandenburg, die besondere Situation von JunglandwirtInnen und welche Möglichkeiten es über die Landesgrenzen hinaus gibt, wie eine neue Generation von JunglandwirtInnen gezielt gefördert werden kann. Das Thema ist sehr komplex, von vielen Herausforderungen begleitet und wird wohl immer nicht nur aus einer Lösung bestehen, sondern ein Bündel von Maßnahmen sein. Auf gesetzlicher Ebene, bei konkreten Instrumenten, bis hin zum konkreten Handeln von jungen Menschen auf dem Acker. Das Thema ist ein sehr Wichtiges, betrifft es nicht nur die Produktion von Lebensmitteln. Die Landwirtschaft ist im ländlichen Raum, in den Dörfern immer präsent. Sie zukunftsfähig zu gestalten, ohne auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt zu wirtschaften und das LandwirtInnen von ihrer Arbeit leben können ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Vieles fängt beim Boden an, wie er genutzt, wie er vergeben, wem er zur Verfügung gestellt wird sind sehr wichtige Frage. Wenn wir diese beantworten können damit lenkende Wirkungen in der Landwirtschaft erzielt und Perspektiven und Chancen vor Ort ermöglicht und geschaffen werden.
Die Tagung war ein Anfang, es werden weitere Veranstaltungen folgen, da mittlerweile sehr viele Menschen daran interessiert sind, wie Landwirtschaft und Landschaft zukünftig gestaltet werden. Ziel sollte es sein Kooperationen bei der Flächenvergabe zu initiieren und zu etablieren.

Fotografie 
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Fotos: J. Ehrich, W. Lehnert. Kontakt: hallo (ätt) bjl-ev.de